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Nachts im Sittertobel
Langsam bricht die Nacht über dem grössten Zeltlager der Schweiz herein. Doch das Treiben
auf dem Gelände erwacht erst jetzt so richtig zum Leben. Auf ein schnelles Vorankommen ist
nicht mehr zu denken - schon gar nicht auf den schmalen mit Bodenplatten belegten Wegen.
Langsam wälzt sich die Masse voran. Die letzten Besucher sind auch noch angekommen; man
erkennt sie an den sauberen Schuhen und den unsicheren Gesichtern. Die anderen kümmern
sich schon lange nicht mehr um Dreck und Schlamm. Im Gegenteil: die gratis Ganzkörper-Fangopackung
macht erstens schön und gibt zweitens warm (solange der Schlamm noch frisch ist).
Trotz der lauten Musik liegt das Gelände friedlich da und die Licht- und Laserstrahlen
zerschneiden lautlos den Abendhimmel. Die beleuchteten Zelte, Fackeln und Lagerfeuer
verbreiten den so oft zitierten Charme des Open Air St.Gallen. Der Basar am Ufer der Sitter
wirkt noch einladender, die Musik ist noch lauter, die Küsse werden noch inniger, das Bier
fliesst noch reichlicher und man stolpert noch öfter über die doofen Spannseile. Ein leises
Fluchen von drinnen mag das leise Stöhnen kurz unterbrechen, aber solange das Zelt stehen
bleibt, kann's einem egal sein.
Wenn um zwei Uhr die Musik auf den Bühnen verstummt, gehen die Parties im Zeltlager noch
bis weit in den Morgen weiter, und wenn dem Digeridoo-Bläser und dem Trommler nicht die
Luft bzw. die Kraft ausgehen, dann werden wohl die meisten zu diesen Klängen sanft träumend
entschlummern...
Für Biwidus: Tino Zimmermann